Apple Watch Langzeittest nach einem halben Jahr

Selten wurde ein neues Produkt von Apple so kontroversiell aufgenommen wie die Apple Watch. Mittlerweile wird die Uhr seit einem halben Jahr in den Startländern ausgeliefert – Zeit genug um ein erstes (Zwischen-)Fazit zu ziehen. Dieser Artikel ist ein Begleittext zur aktuellen #Geektalk Sonderfolge – alle Details könnt ihr im Podcast nachhören.

Beschreibung

Noch ein kurzes Wort zum Test an sich: Selten war ein solcher derartig subjektiv. Einen direkten Verwendungszweck kann man diesem Gadget schwer zuordnen – Funktionen, die für mich wirklich sinnvoll sind, können für andere Anwender komplett unnötig sind. Ein Beispiel: Ich nutze viele Funktionen rund um das Thema Laufen – für Nicht-Läufer komplett uninteressant. Apple selbst betont immer, wie «persönlich» die Watch ist – eine generelle Kauf- oder Nicht-Kauf-Empfehlung kann daher bei einem derartig individuellen Produkt nicht ausgesprochen werden. Dieser Testbericht kann euch aber ggf. helfen, euer Featureset zu finden und zu erfahren, wie die jeweiligen Features umgesetzt wurden und funktionieren – alleine für sich und im Vergleich zur Konkurrenz.

Kleiner Tipp, im #GeekTalk Podcast #gt5315 gibt es das ganze noch in Ton nach zu hören.

Auspacken und erstes Hands-On

Angesichts des Day-One Kaufs eines ganz neuen Produkts, entschied ich mich in der Modellfrage zu der «langweiligsten» Apple Watch – das schwarze Sport-Modell in 42mm mit schwarzem Sportarmband. Obwohl es sich dabei um das günstigste Modell handelt, präsentiert sich die Verpackung gewohnt stilsicher – Apple gibt dem Kunden nicht das Gefühl, das billigste Gerät gekauft zu haben. Klar, es gibt Unterschiede in der Verpackung und auch am Ladegerät (Kunststoff vs. Alu), dennoch fühlt sich alles sehr wertig an und sieht auch entsprechend so aus. Das Tragegefühl ist sehr gut, das mitgelieferte Silikonarmband schmiegt sich tatsächlich sehr angenehm um das Handgelenk.

Eines muss ich noch vorweg schicken – Ich bin / war immer Uhrenträger. Dementsprechend stört mich die Uhr beim Tragen überhaupt nicht. Sie ist nicht schwer und ich war überrascht über die eigentlich geringe Dicke. Zum Vergleich: Bis zum Erscheinen der Apple Watch trug ich größtenteils einen etwas teureren Chronographen eines bekannten Herstellers aus Titan. Dieser ist tatsächlich schwerer als die Apple Watch und ebenso dick.

Die Ersteinrichtung

Vom ersten Start bis zur tatsächlichen Verwendung der Uhr verging einige Zeit, die Einrichtung ist allerdings – für Apple typisch – sehr einfach. Der Nutzer fotografiert einen schön animierten QR-Code mit der Kamera seines iPhones ab, alles andere funktioniert völlig von alleine. Die Erstinstallation dauerte bei mir ungefähr 50 Minuten – die Zeit kann hier aber von Anwender zu Anwender stark unterschiedlich sein. In meinem Fall waren bereits einige Apps mit Unterstützung für die Watch auf meinem Handy, dementsprechend viele Apps wurden auch auf der Watch installiert.

Bedienung

In Sachen Steuerung ist die Apple Watch ihrer Konkurrenz klar voraus. Das liegt vor allem an Force Touch. Hier krankt bei anderen Smartwatches oft die Bedienung. Durch die Möglichkeit, auf dem gleichen Raum mit quasi der gleichen Geste zwei Aktionen durchführen zu können, wird das Bedienkonzept deutlich erweitert. Sobald der Nutzer nicht weiter weiß – bzw. nicht weiß, was für Aktionen möglich wären,– einfach stark auf das Display drücken. Der starke Druck stellt quasi einen Rechtsklick dar und ruft das Kontextmenü mit allen Funktionen auf – eine sehr praktische Funktion.

Die Taptic Engine ist ebenfalls ein klarer Vorteil im Vergleich zu Mitbewerbern – die Uhr tippt einem tatsächlich sanft auf das Handgelenk. Dadurch ist sie sehr «lautlos». Außerdem ermöglicht die Taptic Engine auch unterschiedliche «Antippmuster», die deutlich besser unterscheidbar sind, als bei klassischen Vibrationsmotoren.

Akkulaufzeit

Bevor die Watch erschien, wurden viele Ängste und Spekulationen rund um den Akku laut. Nach einem halben Jahr kann ich allerdings feststellen: Ich kam immer durch den Tag mit meiner Apple Watch. Ich hatte Tage, an denen ich gute 6h Sport mit der Uhr gemeinsam bestritten habe – dabei misst die Uhr permanent den Puls, was einiges an Strom benötigt –, dennoch war die Uhr abends nicht leer. An «normalen» Tagen ist der Akku abends meist noch über 50% voll. Ob sich der User ein zweites Gerät zulegen möchte, das jeden Tag an die Steckdose muss, muss jeder für sich selbst entscheiden. Mich persönlich stört es nicht, abends neben das Handy auch noch meine Uhr zu legen.

Benachrichtigungen

Die Funktion, Push-Benachrichtigungen direkt ans Handgelenk weiter zu reichen, ist für mich klar die Hauptfunktion der Uhr – und hier erfüllt die Watch alles ohne Probleme. Die Benachrichtigungen werden schnell und störungsfrei weitergegeben. Seit WatchOS 2 gibt es auch mehr Interaktionsmöglichkeiten. So bleibt das iPhone tatsächlich deutlich mehr in der Tasche (oder auf dem Dock) als früher, die Watch wirkt in diesem Sinne tatsächlich etwas «entschleunigend».

Dennoch empfiehlt es sich, seine Benachrichtigungen vor Inbetriebnahme der Uhr auszusortieren. Nicht jede Info, die auf dem Handy erscheint, ist auf dem Handgelenk ebenso notwendig. Hier kann der User – denke ich – schnell überfordert und genervt sein.

Siri, Telefonieren und Navigieren

Der Apple Voice Assistent Siri funktioniert auf dem Handgelenk ausgesprochen gut. Ich persönlich verwende Siri auf dem Handgelenk deutlich öfter als auf dem iPhone. Alle bekannten Features stehen auch auf der Apple Watch zur Verfügung. Außerdem werden alle Texte auf der Watch per Sprache «eindiktiert», eine Bildschirmtastatur gibt es nicht. Auch hier gibt es keine Probleme.

Ebenso ist es möglich «am Handgelenk» zu telefonieren. Auch hier gibt es keinerlei Schwierigkeiten, abgesehen davon, dass Mitmenschen einem teilweise ähnlich fragende Blicke zuwerfen, wie vor einigen Jahren noch beim Telefonieren via Bluetooth Headset. Aufgrund der unnatürlichen Haltung ist das Telefonieren auf der Watch für mich dennoch keine gangbare Alternative zum Handy. Zum Annehmen von Gesprächen – gemütlich zum Handy spazieren und das Gespräch dort fortsetzen, statt dem klassischen Sprung zum Handy,- ist die Uhr dennoch ideal. Dank Handoff funktioniert dies völlig nahtlos und ohne Unterbrechungen.

Das meist unterschätzte Feature ist meiner Meinung nach die Navigation. Im Auto würde ich diese nicht nutzen wollen – unterwegs als Fußgänger, vor allem in fremden Ländern, ist diese aber wirklich praktisch. Durch unterschiedliches Antippen symbolisiert die Uhr, wie man an Kreuzungen abbiegen / weiter gehen soll – ein Blick auf das Display ist nicht notwendig.

Sport

Für mich ist alles rund um das Thema Bewegung ein wichtiges Kaufargument bei einem derartigen Gadget. Nach einer entsprechenden Kalibrierung löst die Apple Watch ihre Aufgaben hier ähnlich gut wie andere Fitnesstracker. Leider fehlt GPS, sodass Laufrouten nicht direkt aufgezeichnet werden. Die Pulsmessung scheint, im Vergleich zu Brustgurten, ziemlich genau zu sein, verzögert aber aufgrund des Messpunkts am Handgelenk entsprechend. Bei normalen Anwendungen ggf. kein Problem – sofern Intervalltrainings angestrebt werden, sollte man aber auf einen Brustgurt zurückgreifen. Dank Bluetooth in der Apple Watch und entsprechendem Support können diese aber auch ohne Probleme mit der Uhr verbunden werden.

Spiele

Es gibt kein neues Gadget das ich nicht gleich auf seine Spieletauglichkeit testen muss – und auch hier konnte die Apple Watch überraschend punkten. Natürlich wird es nie möglich sein, den neuesten Shooter auf einer Uhr zu spielen – das möchte ich auch nicht. Doch diese neue Gerätekategorie bietet einige neue, interessante Ansätze. Textadventures eigenen sich beispielsweise perfekt zur Umsetzung auf der Uhr – der erste Vertreter dieser Kategorie war «Lifeline» und führte für kurze Zeit sogar die Appstore Charts an. Im verlinkten Test erfahrt ihr mehr zu diesem und ähnlichen Spielen.

WatchOS und Apps

Bis WatchOS 2 waren die Einsatzgebiete der Uhr bzw. deren Möglichkeiten zur Erweiterung stark limitiert. Die Uhr stellte letztlich nur Informationen dar – gerechnet wurde auf dem iPhone. Seit WatchOS 2, das nach kurzer Verschiebung am 21.09.2015 veröffentlich wurde, können Apps direkt auf der Uhr laufen und auch auf die verbauten Sensoren etc. zugreifen. Vor allem der Zugriff auf die Sensoren ist für bekannte Sportapps äußerst wichtig, beinahe alle bekannten Hersteller aus dieser Kategorie sind mittlerweile mit entsprechenden Apps auch auf der Uhr vertreten.

Ansonsten ist die Auswahl der sinnvollen Apps sehr stark auf den Geschmack und den Anwender bezogen. Apple-typisch gibt es aber eine sehr große Auswahl an entsprechenden Apps, die seit WatchOS 2 in der Regel auch sehr vernünftig umgesetzt sind. Mehr zu meinen persönlichen Lieblingsapps erfahrt ihr im <Podcast>. An dieser Stelle sei nur gesagt: «There is an App for that». Sofern ihr einen Use-Case habt, der sich auch auf einem kleinem Display umsetzen lässt, findet ihr bestimmt eine App, die euch dabei hilft.

Zubehör

Die Armbänder der Apple Watch lassen sich tatsächlich sehr schnell und ohne Probleme wechseln. Ein Hobby, das sehr schnell sehr teuer werden kann – aufgrund der Preise, die Apple für originale Armbänder aufruft.

In meinem konkreten Anwendungsfall habe ich mich dennoch nach kurzer Zeit für das schwarze Leather Loop als Zusatzarmband entschieden. Hier lässt sich sagen, dass die Qualität tatsächlich extrem hochwertig ist. Ich hatte noch nie ein Lederarmband, das so angenehm zu tragen war.

Zusätzlich entschied ich mich zu einem Metallarmband im Nachbau. Auch hier wurde ich von der Qualität überrascht. Die Verarbeitung ist in Ordnung, auch der Wechselmechanismus von Apple wurde gut integriert. Dies liegt vor allem daran, dass Apple mittlerweile auch die Bänder anderer Hersteller lizensiert und die Apple Watch Adapter entsprechend vertreibt.

Sowohl bei Armbändern als auch bei Docks gibt es inzwischen sehr viel Auswahl bei Drittanbietern. Bei Docks ist der Schritt zu Drittanbietern ohnedies obligatorisch, da Apple hier bislang keine eigenen Produkte anbietet. Auch bei den Armbändern kann ich es empfehlen, sich ausgiebig umzusehen – oft werden nicht nur Styles von Apple kopiert, sondern auch neue Ideen umgesetzt und die Uhr wird somit noch individueller.

Apple Watch 42" Sport Apple Watch 42" Sport Apple Watch 42" Sport Apple Watch 42" Sport

Vorteile

  • Akkulaufzeit überraschend gut / besser als erwartet
  • Apps seit WatchOS 2
  • tiefe Integration in iOS
  • schneller, unkomplizierter Armbandtausch

Nachteile

  • Updates der Software dauern sehr lange
  • als Sporttracker nur bedingt ohne Handy einsetzbar
  • Generell wenig Funktionen ohne verbundenem Handy
  • vergleichsweise lange Ladezeiten mit dem Induktionsladekabel

Fazit

Fazit: Ein halbes Jahr Apple Watch – Zurück zur «Dumb Watch»

Pünktlich ein halbes Jahr, nach dem ich die Uhr erhalten hatte, wechselte ich für einen Tag zurück auf meine alte Armbanduhr – um den Test, aus meiner Sicht, perfekt zu machen. Vor dem Wechsel zurück zur normalen Uhr hätte mein Fazit ungefähr so gelautet: «Ein nettes Spielzeug – angenehm – gut umgesetzt und individualisierbar – benötige ich aber eigentlich nicht». Nach einem Tag «Back to the Roots» sieht mein Fazit deutlich anders aus. Überraschenderweise schafft es die Uhr, sich völlig unauffällig in bestehende Workflows zu integrieren. Durch den Sitz auf dem Handgelenk – und damit immer am Körper – verwendet der Nutzer das Gerät, ohne daran zu denken. Dennoch ändert das Gerät bisherige Workflows völlig. Ich trage mein Handy deutlich seltener am Körper, hole es deutlich seltener aus der Tasche. Mitunter lege ich es sogar in die Aktentasche oder den Rucksack – zu Hause steht es nahezu immer auf dem Dock, mitunter in einem anderen Raum. Alle wichtigen Infos erhalte ich auf meiner Uhr – und interagiere auch mit Apps oder Personen direkt, einfach und schnell dort.

Somit lautet mein Fazit: Nie wieder ohne Smartwatch. Apple macht an dieser Stelle vieles richtig und auch besser als die Konkurrenz. Dennoch handelt es sich hierbei um eine völlig neue Kategorie von Geräten – ich bin sehr gespannt auf die Entwicklung in der Zukunft. Mehr Akku, GPS, besseres Design und Funkmodule (3G/4G) wären nur wenige der vielen Ideen, die hier noch umgesetzt werden könnten / sollten.

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